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Wechsel an der Spitze: Nach fast zwei Jahrzehnten als Schulleiterin geht Frau Christina Weigel in den Ruhestand.

von Jürgen Berkefeld,

Vorsitzender des Schulfördervereins

Abteilungsleiter Abteilung 3 von 1997 – 2017

 

Nähert man sich dem Oberstufenzentrum von der Straße her, fällt dem Besucher als erstes der gelbe Zweckbau mit dem vorgezogenen Eingangsbereich, das viele Grün  und die Stele mit der Bezeichnung „Europaschule“ ins Auge. Im Foyer weisen Fotografien, Zertifikate, Auszeichnungen, eine Plastik aus Anlass des 30-jährigen Jubiläums des Mauerfalls sowie nicht zuletzt die Vitrine mit dem Bild „In der Reihe tanzen“ auf die vielfältigen Aktivitäten und den besonderen Charakter der Schule hin. Sie legen Zeugnis davon ab, wie Auszubildende, Schüler*innen, Lehrkräfte und die Schulleitung in Zusammenarbeit mit Partnern aus Wirtschaft, Politik, Kultur und Einrichtungen der Zivilgesellschaft das Leitbild unseres Oberstufenzentrums „Einheit in Vielfalt“ mit Leben erfüllen.

 

Zum Ende des Schuljahres 2020 steht nun ein Wechsel bevor. Unsere Schulleiterin Christina Weigel geht in den Ruhestand. Die lange geplante Verabschiedung findet wie der Unterricht und das Schulleben der letzten Wochen unter den einschränkenden Bedingungen der Corona-Pandemie statt.

 

Christina Weigel hat unsere Schule 18 Jahre lang in ihrer Funktion als Schulleiterin geführt, ein Haus, vergleichbar einem mittelständischen Unternehmen, mit derzeit 60 Lehrkräften, Referendar*innen, Sekretärinnen, Hausmeistern und Servicekräften sowie über 1500 Schüler*innen, die vollzeitschulisch oder blockweise unterrichtet werden. Bereits 2001 führte sie stellvertretend die Schulleitung.

 

Nach ihrem Abschluss 1980 als Diplomingenieur - man beachte die männliche Form - für Verfahrenstechnik, Spezialisierung Automatisierungstechnik führte sie der Weg über das Geräte- und Reglerwerk Teltow, Abteilung Forschung und Entwicklung 1987 an die damalige Kommunale Berufsschule 2 Fritz Perlitz, ab 1990 OSZ 2 Wirtschaft und Verwaltung Potsdam. Sie studierte Berufspädagogik, durchlief in der Folgezeit verschiedene Anpassungsfortbildungen und absolvierte u. a. ein Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Fernuniversität Hagen. In den Jahren 1994 bis 2001 gab sie ihr Wissen und ihre Erfahrung als Fachseminarleiterin Berufliche Bildung/Recht an zukünftige Lehrkräfte weiter. In zahlreichen schulischen Gremien, so als Vorsitzende des Lehrerrates und der Schulkonferenz, sowie als Gründungsmitglied und erste Vorsitzende des Fördervereins nahm sie Einfluss auf die Schulentwicklung und engagierte sich für die Belange der Lehrkräfte, Auszubildenden und Schüler*innen.

„Was unsere Schule besonders und erfolgreich macht, waren und sind die schulischen Entwicklungsprozesse und das stete Bemühen um die Einbeziehung und Mitwirkung aller am Schulleben beteiligten Gruppen, intensive pädagogische Diskussionen, die zur Entwicklung eines gemeinsamen Selbstverständnisses geführt haben.“, fasst sie ihre Tätigkeit als Schulleiterin zusammen. Sie beförderte diese Entwicklung durch das Aufgreifen und die Unterstützung von Ideen und Vorschlägen aus der Schulgemeinschaft, durch ermutigende Wertschätzung und die Bereitstellung von Ressourcen.

 

Mit der Teilnahme am Modellvorhaben der brandenburgischen Landesregierung „Stärkung der Selbständigkeit von Schulen“ (MoSeS) zum Schuljahr 2003/2004 nutzte sie mit der Schulleitung neue Formen der Steuerung schulischer Entwicklungsprozesse mit der Befugnis, selbst Einstellungen geeigneter Lehrkräfte vornehmen und Freiräume bei der Budgetierung der Haushalte nutzen zu können. Erweiterte Verfügungsspielräume und Entscheidungsmöglichkeiten führten zugleich aber auch zu Mehrarbeit besonders bei der Schulleiterin sowie zu neuen Formen zentraler und dezentraler Qualitätssicherung. Trotzdem führte die größere Selbstständigkeit vor allem im Personalbereich dazu, dass die Schule heute ausschließlich Lehrkräfte mit passfähigen Lehrämtern einsetzen kann, was eine wesentliche Voraussetzung für die Unterrichtsqualität ist.

 

Dank der durch die Schulleiterin geförderten Innovationsbereitschaft der Schulgemeinschaft waren wir der Entwicklung im Land Brandenburg oft ein Stück voraus. So verfügten wir bereits über ein Schulprogramm, etablierten ein Feedback-System, führten Leistungs- und Entwicklungsgespräche lange, bevor sie verpflichtend für alle Schulformen wurden. Wir beteiligten uns an Modellvorhaben, wie z. B. „Demokratie in der Schule“, das vor allem eine demokratische Schulentwicklung beförderte und uns bei der Schulprogrammarbeit unterstützte.

 

Ein besonderes Anliegen war Frau Weigel immer die Stärkung der Attraktivität unserer Berufsschule. Dazu initiierten wir bereits seit Mitte der 1990er Jahre Zusatzangebote für unsere Auszubildenden zur Erweiterung und Vertiefung der beruflichen Handlungskompetenz und Steigerung ihrer Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Heute können wir eine Vielzahl von zum Teil hochwertig zertifizierten Zusatzqualifikationen anbieten, so z. B. die Kauffrau/den Kaufmann für internationale Geschäftstätigkeit sowie ausbildungsintegrierte Module des Bachelor of Arts in der Ausrichtung Insurance Management.

 

Kerngeschäft Unterricht – unsere Schulleiterin fühlte sich dieser Aufgabe stets besonders verpflichtet. So sah sie in der Umsetzung von zeitgemäßen Unterrichtskonzepten unter Einbeziehung digitaler Medien und Verfahren, der Unterstützung diesbezüglicher Initiativen aus dem Kollegium, dem Bereitstellen von Fortbildungsangeboten und beratenden Unterrichtsbesuchen einen wichtigen Schwerpunkt ihrer Arbeit. Ihrem Bildungsgang der Rechtsanwaltsfachangestellten fühlte sie sich besonders verbunden. So wirkte sie als Mitglied der Rahmenlehrplankommission auf Bundesebene bei der Neuordnung des Ausbildungsberufs maßgeblich mit, nahm erheblichen Einfluss bei der Umsetzung im Land Brandenburg und der Gestaltung der Prüfungsordnung der Rechtsanwaltskammer. Für ihren eigenen Unterricht holte sie bei ihren Schüler*innen stets ein Feedback ein mit Ergebnissen, auf die sie zu Recht stolz sein kann.

 

Die bauliche Umgestaltung des Schulgebäudes in den Jahren 2006 - 2009 mit einer Gesamtinvestitionssumme von 11 Millionen Euro war eine große Herausforderung für unser Haus. Sie ermöglichte eine tiefgreifende Sanierung zur brandschutz- und behindertengerechten Ausstattung des Gebäudes und der Turnhalle sowie die Anschaffung einer komplett neuen Ausstattung, die den Anforderungen modernen Lehrens und Lernens gerecht wird. Nach zähen Verhandlungen mit dem Schulträger konnte ein schulweites IT-System, an das alle Klassen- und Fachräume angeschlossen sind, realisiert werden, dass mit seiner Infrastruktur noch heute tragfähig ist. Wenn heute Besucher fragen, ob das Schulhaus gerade frisch saniert sei, ist das nicht nur dem vorbildlichen Verhalten unserer Schüler*innen zu verdanken, sondern auch der ordnenden Hand der Schulleiterin, die in enger Zusammenarbeit mit dem stellvertretenden Schulleiter, den Hausmeistern und Reinigungskräften ihre Ansprüche an Sauberkeit, Ordnung und ansprechende Ausgestaltung des Schulhauses realisiert. Den Wunsch nach einem Mehrzweckgebäude für angemessene Pausenversorgung und große Schulveranstaltungen muss die Schulleiterin zu ihrem großen Bedauern unerfüllt hinterlassen.

 

Die Aktualisierung und Anpassung des Bildungsangebotes an wirtschaftliche, politische und kommunale Anforderungen hatte die Schulleiterin stets im Blick. Neue Ausbildungsberufe im Dienstleistungsbereich sowie vollschulische Bildungsgänge der Assistentenberufe nahmen wir in unser Profil auf, was zwar die Schulleitung und das Kollegium vor große organisatorische und inhaltliche Herausforderungen stellte, aber auch für ein zeitgemäßes Ausbildungsangebot und die Stabilität unseres OSZ sorgte. Andererseits mussten Bildungsgänge aus demografischen, wirtschaftlichen oder Kapazitätsgründen aufgegeben werden, was zwar aus übergeordneter Sicht des Landes und der Stadt Potsdam nachvollziehbar war, dennoch schmerzte, durch die Schulleitung aber mit Anpassungsprozessen abgefedert werden konnte.

 

Moderne Schulverwaltung und digitale Unterrichtsformen forcierte die Schulleiterin in enger Zusammenarbeit mit den internen und externen IT-Experten. Dienstmail-System, Schulverwaltungssoftware, Homepage und E-Learning-Portal - oftmals beschafften wir selbständig entsprechende Soft- und Hardware oder kreierten eigenständige Lösungen manchmal mit viel Aufwand, ohne auf geeignete Handreichungen von Schulträger oder Schulaufsicht zu warten. Nach der Devise „Nicht jammern, was alles nicht geht, sondern umsetzen, was machbar ist“, verfolgten wir unsere Ziele mit der Chance zum Erfolg, aber auch dem Risiko von Irrwegen und des Scheiterns. Heute genießen wir auf vielen Feldern die Unterstützung seitens der Schulaufsicht, z. B. in Form von Stundenzuweisungen oder durch die lange eingeforderte Aufnahme in das Pilotprojekt Schulcloud, sowie die Anerkennung durch Ausbildungsbetriebe und Kammern. Finanziellen Anforderungen, die nicht über den Schulhaushalt bedient werden konnten, begegneten wir mit Fördermittelanträgen, der Kapitalisierung von Personalmitteln und der Beteiligung an Energiesparmaßnahmen (Öko-Mittel), so dass neben dem Schulhaushalt immer auch zusätzliche Mittel für unsere Schulentwicklung zur Verfügung standen.

 

Bereits seit Bestehen der Schule und verstärkt ab der zweiten Hälfte der 1990er Jahre gab es Angebote internationaler Aktivitäten für unsere Azubis und Schüler*innen. Die Förderung dieser war der Schulleiterin stets wichtig. So nahm sie mit großer Freude im Jahr 2010 die Idee einiger internationaler Aktivist*innen im Kollegium auf, alle Vorhaben unter dem Motto „Europa“ zu bündeln und den Titel „Europaschule“ anzustreben, der uns dann 2014 verliehen wurde. Seitdem ist der europäische Gedanke breit in der Schulgemeinschaft etabliert und wird durch zahlreiche Angebote für unsere Lehrkräfte und Schüler*innen gelebt.

 

So sehr Schulleiterin und Schulgemeinschaft Titel und Auszeichnungen wie „Europaschule“, „Grenzenlos-Schule“, „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage“, die „Euro-Apprenticeship-Plakette der IHK Potsdam“ - als Zeichen der Anerkennung unserer Aktivitäten schätzen, so wenig geht es dabei um „Titelhuberei“. Für uns stehen die damit verbundenen Entwicklungsprozesse im Mittelpunkt unserer Bemühungen, die Erweiterung der beruflichen und privaten Chancen unserer Auszubildenden, Schülerinnen und Schüler, die Vermittlung von Werten im Rahmen des Leitbildes unserer Schule. So erfüllt es uns mit Stolz, dass bei den Junior-Wahlen unserer Schüler*innen der Anteil der Stimmen für rechtsradikale oder rechtspopulistische Parteien weit unter dem Landesdurchschnitt liegt, ebenso bei der Bejahung von Gewalt als Mittel der Konfliktlösung und der Ausländerfeindlichkeit, wie die Jugendstudie der Universität Potsdam, an der wir seit über 20 Jahren teilnehmen, immer wieder aufs Neue zeigt.

 

Im Laufe ihrer Tätigkeit durchlebten die Schulleiterin und die übrigen Schulleitungsmitglieder erhebliche Lernprozesse. Anfangs muteten wir dem Kollegium teilweise zu viel zu, versuchten wir Entwicklungsprozesse von oben herab zu initiieren, was nicht unbedingt zur Förderung der Motivation der Lehrkräfte beitrug. Mit der Schaffung der Steuergruppe Schulprogramm, der Bildung temporärer Arbeitsgruppen, in die sich die Lehrkräfte auf freiwilliger Basis einbringen konnten, der Schwerpunktsetzung bei schulischen Vorhaben sowie mehr Geduld bei ihrer Ausgestaltung und Umsetzung gelang es zunehmend, Schulentwicklung auf breitere Schultern zu stellen und mehr Konsens und Motivation bei den Lehrkräften zu erreichen. So sind nicht wenige Entwicklungsschwerpunkte auf Initiativen aus dem Kollegium zurückzuführen.

 

In ihrer Amtszeit musste sich die Schulleitung selbst als Team zusammenraufen, was inzwischen gut gelungen ist und Schulleitungshandeln gegenüber dem Kollegium transparenter, einheitlicher und nachvollziehbarer macht. Mit ihrem kollegialen, offenen und auf Konsens ausgerichteten Leitungsstil gelang es Christina Weigel, Stärken der Einzelnen zu fördern und zu bündeln. Bei Schwächen in der Sache unterstützte sie, übte Kritik und forderte Ergebnisse ein, aber immer ohne die Person dabei zu diskreditieren. Für die gute Arbeitsatmosphäre im Kollegium spricht, dass zahlreiche bereits im Ruhestand befindliche Lehrkräfte die Schule weiterhin mit zusätzlichen Lernangeboten oder in Vertretungssituationen unterstützen.

 

Nach 19 Jahren Schulleitungstätigkeit, sechs Schulrät*innen, sieben Bildungsminister*innen und 42 Änderungen des Brandenburgischen Schulgesetzes hinterlässt Christina Weigel ein wohl bestelltes Haus, wohl wissend, dass Schulentwicklung niemals endet und die eine oder andere Baustelle auf ihre Nachfolge wartet. Auch wenn sie im Laufe der Jahre viel Erfahrung und Sicherheit gewonnen hat, geriet ihre Tätigkeit nie zur Routine. Sie beschreibt ihre Tätigkeit als „nie langweilig, immer interessant, spannend, ausgesprochen arbeitsintensiv, manchmal frustrierend und enttäuschend, dann wieder beglückend und zufriedenstellend“.

 

Sie hat Räume eröffnet, Chancen genutzt und Wege bereitet für eine Entwicklung unserer Schule, auf die wir alle mit Recht stolz sein können. Hierin liegt ihr eigentliches Verdienst. Ihr Erfolg war stets der ihres Kollegiums, der Auszubildenden und der Schüler*innen.

 

Wenn sie am 31. Juli unser Haus verlässt, werden vor ihr Jahre mit einem nie gekannten Grad an Selbstbestimmung liegen. Ich weiß, dass sie Gartenarbeit mag, gern tanzt, in ihrer Volleyballsportgruppe aktiv ist, aber vor allem ihr Herz für ihre Enkel - ein Teil davon in Kanada - schlägt. Dafür wünschen wir ihr Glück, Gesundheit und ein langes Leben.

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