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Besuch des Schweizer Gesandten Dr. Urs Hammer am OSZ II

  • Erstellt von Kerstin Eichenmüller, Klasse 2311

Anlässlich des Europatages (9. Mai 2012) hat der Schweizer Gesandte Dr. Urs Hammer das Oberstufenzentrum II besucht. Zwei Stunden lang sprach er über die Schweiz und Europa, mit besonderem Blick auf die Beziehungen zwischen der Schweiz und Deutschland, und stand den angehenden Verwaltungsfachangestellten der Klassen 2311 und 2312 Rede und Antwort.

 

Nach der Begrüßung durch den stellvertretenden Schulleiter Herrn Nikoleit und ein paar einführenden Worten von Herrn Schulze-Marmeling begannen zwei Unterrichtsstunden, die wie im Fluge vergingen. Der Gesandte und Stellvertreter des Botschafters der Schweiz in Berlin ging in einem Vortrag auf die wirtschaftlichen und politischen Verflechtungen der Schweiz mit Deutschland und der EU ein, erläuterte den Inhalt einiger Abkommen genauer und ging auch auf die Bedeutung der plebiszitären Demokratie in seinem Land ein, die wesentlich dazu beigetragen hat, dass die Schweiz kein EU-Mitglied ist.

 

So erfuhren die Schüler, dass zur Zeit etwa 270.000 deutsche Staatsbürger in der Schweiz leben; neben Rentnern und Arbeitern im Gastgewerbe sind dies hauptsächlich Ärzte und Pflegepersonal, die in der Schweiz dringend gebraucht werden. Im Gegenzug leben auch etliche Schweizer, besonders Künstler, in Deutschland, und der Tourismus zwischen beiden Ländern floriert. Offen angesprochen wurde aber auch, dass in bestimmten Ballungszentren in der Schweiz Einheimische behaupten, Deutsche nähmen ihnen die Arbeitsplätze weg; dies sei wohl auf ein Minderwertigkeitsgefühl gegenüber den Deutschen (und ihrer Fähigkeit, Hochdeutsch zu sprechen) zurückzuführen. Die Arbeitslosenquote betrage nur 3 %; zudem seien Deutsche in der Schweiz generell hoch angesehen. Dies zeigt sich auch im Bereich des Fußballs. Waren früher viele Schweizer traditionell für den Gegner der deutschen Mannschaft, hat sich dies infolge der WM 2006 merklich verändert: Nach der sehr positiven Aufnahme der Schweizer Mannschaft in der Bundesrepublik sei die deutsche Mannschaft in den letzten Jahren sehr beliebt geworden.

 

Zwischen der Schweiz und der Bundesrepublik Deutschland bestehen über 200 Abkommen. Herr Hammer hat einige davon näher erläutert und auch benannt, wo es Probleme gab oder gibt. Besonders spannend war dabei wohl für viele das Abgeltungssteuerabkommen, das neue Regeln schaffen soll für den als „Steuerparadies“ bekannten Bankenstandort. Herr Hammer betonte, dass die Schweiz nur noch versteuerte Gelder auf den Konten im Land haben möchte („Weißgeldstrategie“); eine massenweise Schließung von Konten fürchte er deshalb nicht.

 

Eine weitere wichtige Frage, die am Europatag geklärt werden konnte, war die nach der Nicht-EU-Mitgliedschaft der Schweiz. Für manche neu war dabei sicherlich, dass die Schweiz schon einmal um Aufnahme in die EU ersucht hat. Aber dann kam alles anders. Die Schweiz ist neben Norwegen, Liechtenstein und Island EFTA-Mitglied (EFTA: European Free Trade Association = Europäische Freihandelsassoziation). Während die anderen drei Staaten mit der EU in einem Abkommen den Zusammenschluss zum „Europäischen Wirtschaftsraum“ (EWR) vereinbarten, wurde dieses Abkommen in der Schweiz 1992 per Plebiszit abgelehnt. Damit war auch die Frage einer EU-Mitgliedschaft vom Tisch, das entsprechende Gesuch quasi eingefroren. Etliche Schweizer fürchteten offenbar, dass ein stärkerer Einfluss der EU ihre direkte Demokratie schwächen könnte. Als Alternative entstanden diverse bilaterale Abkommen mit einzelnen Staaten oder der EU. Dieses Vorgehen funktioniert anscheinend so gut, dass jetzt weniger Schweizer als noch 1992 für einen Beitritt ihres Landes zur EU sind. Allerdings sind die Verhandlungen zur Übernahme neuer EU-Rechtssprechung durch die Schweiz zeitraubend und aufwändig, so dass die EU jetzt auf ein neues Verfahren drängt.

 

Die Erklärungen und Ausführungen des Gesandten waren zum Teil sehr detailliert, aber immer gut verständlich. Er hat sich stets diplomatisch ausgedrückt, aber keine Frage unbeantwortet gelassen und ehrlich seine persönliche Meinung zu kritischen Fragen benannt. Beide Klassen konnten viel über die Geschichte und Politik sowohl der Schweiz als auch der EU lernen. Herr Hammer hatte zum Schluss aber auch selbst noch einige Fragen an die Schüler, die vor Kurzem im Rahmen der Schulpartnerschaft in Luzern waren: Wie es ihnen gefallen habe, was ihnen aufgefallen sei und wie sie den Unterricht dort erlebt hätten. Er selbst habe sich als Schweizer in Deutschland immer sehr wohlgefühlt. Herr Hammer ist nur noch bis zum Sommer hier; nach vier Jahren in Berlin wechselt er im August nach Luxemburg.

Neben spannenden Antworten zu diversen Fragen und jeder Menge einprägsamer Informationen zur Schweiz und ihrer Stellung in der EU konnten die Schüler sogar noch etwas mitnehmen: Kleine Gastgeschenke aus der Schweiz, die so manchen Schüler noch lange an diese etwas anderen Schulstunden zurückdenken lassen werden.

(Kerstin Eichenmüller, Klasse 2311)